Ein Blick auf die Shorthanded Racing Saison 2021 in Nord- und Ostsee

von Peter Sorowka am 13.03.2021 / in Allgemein

Jetzt bin ich im Besitz einer Hochsee-Rennjolle – noch dazu dank meines Voreigners Hasso Hoffmeister in exzellentem und regattafertigem Zustand – und darf mir überlegen, was ich mir in der ersten Saison vornehme.. Als Rookie auf dem Mini 6.50 bin ich irgendwo zwischen der Lust, es gleich richtig krachen zu lassen und der Vernunft, es noch langsam anzugehen hin und her gerissen. In Frage kommen für mich Formate mit Ein- oder Zweihandcrew und möglichst lange Strecken; denn für kurze und knackige Up- and Down-Rennen sind die Minis eher nicht konzipiert.

Leider gibt es hier in Deutschland keine offiziellen Classe Mini Rennen, aber wir haben zumindest eine kleine Community von Seglern in Deutschland und Dänemark, die wir an der ein oder anderen Startlinie treffen werden – auch wenn durch die dieses Jahr stattfindende Mini Transat einige vermutlich eher in Frankreich zu finden sein werden in dieser Saison.

Bergsteiger brauchen Gipfel, See-Regatten brauchen ikonische Wendemarken oder Kurse. Egal ob Fastnet, Silverrudder, Baltic 500 oder Rund Bornholm auf der Warnemünder Woche: die interessanten Regatten haben allesamt eine sehr greifbare Herausforderung in ihrem Kern. Insofern überrascht mich die Entscheidung der Nordseewoche, das ikonische „Rund Skagen“ durch ein unspezifisches „400sm quer durch die Nordsee“ zu ersetzen. Und auch das Vegvisir Race mit seinem eigentlich interessanten Konzept des „herausfordernden Kurses teils inshore teils offshore“ wirkt auf mich zu unspezifisch – anders kann ich mir nicht erklären, warum ein Silverrudder („Einhand Rund Fünen“) innerhalb von einer Stunde mit 450 Startern ausverkauft ist, während ein im gleichen Monat stattfindendes Vegvisir Race mit eigentlich mehr Vielfalt („Einhand oder Doublehanded in drei verschiedenen Streckenlängen“) maßgeblich noch die Meldungen von der letzten Corona Absage führt (~170 Starter) und die übrigen etwa 30 Plätze offenbar nicht weggehen wie warme Semmeln.

Eine weitere Unterscheidung der einzelnen Rennen sind die Meldevoraussetzungen und Vergütungssysteme. Die modernen Rennen wie Silverrudder und Vegvisir machen es ganz einfach: Boote gemäß ihrer Länge in grobe Klassen von „Mini“ bis „Extra Large“ gruppiert. Eine Vermessung ist nicht notwendig, außer Haftpflichtversicherung und der vorgeschriebenen Sicherheitsausrüstung ist keine weitere Bedingung zu erfüllen. Gleichzeitig ist mangels Vergütung ein echter Vergleich zwischen den Booten eigentlich kaum möglich; aber das passt auch zum Konzept der Rennen, die eher den persönlichen Gipfel als den knallharten sportlichen Vergleich im Blut haben. Das Baltic 500 geht aus meiner Sicht einen sehr schlauen Weg und bietet für die ambitionierten Sportler eine Gruppe für ORC Club Vermessung an, sowie mit der Classe Mini und Dehler 30OD sogar zwei Einheitsklassen; ermöglicht aber mit einer Yardstick Meldung auch allen ambitionierten Freizeitseglern ohne Vermessung den leichten Zugang. Die Nordseewoche dagegen schließt Boote ohne ORC Vermessung komplett aus; einzige Ausnahme wäre, wenn 5 Boote gleichen Typs sich auf eine Klasse einigen würden – ob die Organisatoren sich auf eine Yardstick Wertung einlassen würden? Normalerweise hat die Langstrecke der Nordseewoche einen Sportseeschifferschein (SSS) als Qualifikationsvoraussetzung für den Skipper; diese sehr hohe Hürde wurde dieses Jahr entschärft. Dennoch will die Nordseewoche ein ISAF Survival at Sea Zertifikat und einen Erste Hilfe Kurs sehen. Zum Vergleich: Selbst die sicherheitsfanatischen Regatten der Classe Mini fordern vom Skipper nur einen Gesundheitscheck sowie die jeweils gesetzlich vorgeschriebenen Scheine (z.B. SRC), aber keine weitere formalen Qualifikationsnachweis – ob die Classe Mini den verrückten Besitzern eines passend ausgestatteten Bootes die implizite Qualifikation unterstellt?

Ich werde dieses Jahr bei folgenden Rennen an der Startlinie sein, weiter unten gehe ich auf die Details dieser Auswahl und ein paar Überlegungen zur Attraktivität der einzelnen Regatten ein.

  • Nordseewoche
  • Vegvisir
  • Silverrudder

Noch ein Wort zum Weltfrauentag diese Woche: schaut man sich die Startlisten der Shorthandregatten an, ist die Quote erschreckend. Beim Silverrudder haben bei 450 Startern weniger als 10 Frauen gemeldet, beim Vegvisir sind es weniger als 5 von über 200 Seglern, auch beim Baltic 500 sieht es nicht besser aus. Was ist denn da los? Warum ist das Shorthand Segeln hier in Norddeutschland eine solche Männersache? Die Quoten sind bei den großen Rennen wie Vendee Globe und Mini Transat auch nicht gerade 50/50 aber ich hätte gefühlt schon mindestens 20-25% erwartet.

Im Mai (Himmelfahrt): Baltic 500

Die perfekte Regatta. 500sm von der Kieler Förde durch den Öresund, Rund Laesö und durch den Großen Belt zurück nach Kiel. Nicht nur die Route ist schwer verlockend, die Organisatoren finden auch den perfekten Mix: für sportlich ambitionierte und entsprechend ausgestattete Crew kann man mit ORC Club Vermessung melden, alle anderen melden per Yardstick und haben somit immerhin das Minimum an möglicher Vergütung statt der sehr einfachen Größenklassen. Zusätzlich gibt es Gruppen für bestimmte Bootsklassen, dieses Jahr Classe Mini (allerdings nur zwei Meldungen) und Dehler 30 OD (beeindruckende 12 Meldungen!). Das Rennen ist längst ausverkauft, es gibt eine Warteliste, die Meldegebühr ist mit 269€ für Doublehand und diese Dauer wirklich fair und überschaubar – alles richtig gemacht! Ich melde nur aus reiner Vernunft in diesem Jahr nicht – zu lang, zu früh. Ich und mein Boot müssen uns erstmal anfreunden.

Im Mai (Pfingsten): Nordseewoche

Die Nordseewoche schreibt eine Double Hand Challenge nach ORC Club Vermessung aus, das umfasst insgesamt vier Wettfahrten ab Cuxhaven und vor und um Helgoland. Ich bin gespannt, ob es auch unabhängig von der Vermessung Gegner in unserer Größenklasse gibt, soweit ich weiß nimmt kein anderer Mini teil. Wir segeln mit Till Pomarius als Co-Skipper die Double Hand Challenge und zusätzlich die Zubringer Regatta von Hamburg nach Cuxhaven. Die fünf Wettfahrten werden dann vergleichsweise kurz sein, aber als Feuertaufe eignet sich das Format hoffentlich gut. Zum Abgewöhnen ist allerdings die Meldegebühr, warum die Nordseewoche hier so hoch ins Regal greift, selbst für ein auf kleine Crew ausgeschriebenes Sonderformat ist mir unklar.

In den vergangenen Jahren hatte die Nordseewoche immer eine Langstrecke entweder nach Edinburgh oder Rund Skagen in petto; dieses Jahr wird ein nicht weiter definiertes Format „HOT – Helgoland Offshore Triangle“ ausgerufen. Mehr als dass es sich um bis zu 400sm auf der offenen Nordsee sein werden, die je nach Wetter passend gelegt werden, ist bisher nicht bekannt. Reizt das jemanden? Ich verzichte auf jeden Fall, das ist zu viel, zu unklar, zu früh für uns in der Streckenlänge.

Im Mai (Pfingsten): One Star Challenge

Zeitgleich mit der Nordseewoche findet in der Ostsee die One Star Challenge statt, ein Rennen fokussiert auf Einhandsegler. Die Einteilung der Boote erfolgt in ungefähre Größenklassen; ohne Vermessung; ohne Vergütung. Der Start der One Star Challenge ist Køge, also vergleichsweise weit entfernt von deutschen Gewässern. Ich vermute das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass kaum deutsche Segler gemeldet haben; wobei die Covid-19 Situation und die zeitliche Nähe sicher auch eine Rolle spielt. Die Strecke führt Rund Møn also etwa 116sm durch interessante Gewässer, wobei insbesondere die Fahrwasser nördlich von Møn teilweise sehr eng sind und man hier nur hoffen kann, nicht nachts kreuzen zu müssen. Mit etwa 80€ Meldegebühr ist die One Star Challenge im Vergleich recht günstig.

Im Juni: Midsummersail

Route des MidsummersailHabe ich vorhin was über Gipfel geschrieben? Die Midsummersail ist mit 900sm die längste Regatta die derzeit von der deutschen Küste aus startet, mit Ziel in Töre, dem nördlichsten Punkt der Nordsee zwischen Schweden und Finnland. Beeindruckend: das Rennen ist nicht nur dieses, sondern auch schon für die beiden folgenden Jahre mit Warteliste ausgebucht. Zwar gibt es nur 50 Startplätze, dennoch scheint das Konzept hier aufzugehen. Und das, obwohl ein 900sm Oneway Kurs auf den ersten Blick unattraktiv klingt, aber ich vermute, dass hier viele den Kurs als Überführung in den Sommerurlaub in den Schwedischen Schären nehmen. Cooles Rennen; nix für mich.

Im Juli: Warnemünder Woche

Die Ausschreibung der Warnemünder Woche ist leider noch nicht veröffentlich. Die Rund Bornholm Regatta von Warnemünde finde ich aber reizvoll.

Im September: Vegvisir Race

Das Vegvisir hat dieses Jahr einen neuen Start- und Zielhafen gefunden und startet nun von Nyborg auf Fünen am Anfang der Großen Belt Brücke. Diese Location hat mehrere Vorteile, erstens ist der Hafen sowohl auf dem Straßen- als auch dem Seeweg von Deutschland aus gut erreichbar, zweitens sind viele vielfältige Routen von dort aus denkbar (Rund Samsö anyone?), drittens ist es nur ein Katzsprung zum zwei Wochen später stattfindenden Silverrudder. Das Vegvisir bietet Ein- und Zweihandrennen mit drei verschiedenen Streckenlängen, ich bin dieses Jahr mit Jan Heinze am Start – der mindestens durch sein Buch Atlantikfieber ein Vorbild in der Classe Mini für mich ist. Wir segeln die lange Strecke, 225sm, die von Nyborg zunächst westlich von Langeland nach Süden führt, dann durch den Fehmarnsund und letztlich um Lolland und Falster durch das Smalandsfahrwasser mit ein paar extra Schlenkern zurück. Sehr coole Route! Und ich bin froh, nicht – wie ich ursprünglich vorhatte – die „kurze“ 85sm Route gewählt zu haben. Letztere führt nach der Brücke vor Rudköbing – die allein schon das reinste Zick-Zack Fahrwasser hat, nah an Marstal vorbei und dann durch den Svendborgsund zurück. Die Veranstalter sprechen euphemistisch von „tricky tricky“ – ich glaube das könnte mit den engen Fahrwassern und dem Svendborgsund (viel Strom, wenig Wind) + Nacht sogar ziemlich nervig werden.

Im September: Silverrudder

Mein persönlicher Saison Höhepunkt, denn das Silverrudder wird mein erstes Einhandrennen. Das Silverrudder führt seit einigen Jahren Einhand von Svendborg Rund Fünen. Die unglaubliche Zahl von 450 Startern wird zugelassen. Die Startplätze sind begehrt, über zwei Drittel von ihnen war dieses Jahr innerhalb von 5 Minuten nach Öffnung der Anmeldung weg, innerhalb einer Stunde war das Rennen komplett ausverkauft. Die Route beträgt etwa 130sm, mit 161€ Startgebühr ist auch dieses Rennen kein Schnäppchen aber die sehr umfangreichen Inklusivangebote (Hafentage vor- und nachher, Kranservice) relativieren den Preis.

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